Landesfachtagung „Religiös begründeter Extremismus“

Radikalisierung von Mädchen und Frauen im salafistischen Umfeld - Analyse, Prävention und Handlungsempfehlungen

Am Mittwoch, den 19. Juli 2017, fand in der Kreisverwaltung Pinneberg die Landesfachtagung zum Thema Radikalisierung von Mädchen und Frauen im salafistischen Milieu statt. Im Rahmen von Vorträgen und moderierten Thementischen setzten sich die circa 80 Teilnehmer/innen intensiv mit der Frage nach der Anziehungskraft des Salafismus auf junge Frauen und Mädchen, den Gründen für Radikalisierungsprozesse sowie präventiven Maßnahmen auseinander.

In seinen einleitenden Worten stellte Jörn Folster, Jugendschützer des Kreises Pinneberg, die Bedeutung gemeinsamer Zusammenarbeit und des Aufbaus von Netzwerken im Bereich der Jugend- und Präventionsarbeit, insbesondere in Bezug auf religiösen Extremismus, heraus. Andrea Dänzer, stellvertretende Leiterin von PROvention (TGS-H), betonte die Relevanz des Themas und das oftmalige Unverständnis gegenüber, aber auch die weit verbreitete Unterschätzung von sich radikalisierenden Frauen und Mädchen.

Den Einführungsvortrag hielt Herr Yilmaz von der Verfassungsschutzbehörde Schleswig-Holstein. Er berichtete aus behördlicher Perspektive über Islamismus und Salafismus in Deutschland mit Fokus auf die Situation in Schleswig-Holstein. Nachdem er einen Überblick über die Grundzüge und die Entwicklung salafistischer Bestrebungen in Deutschland und Schleswig-Holstein gegeben hatte, sprach er u.a. über die Schwierigkeiten bei der Erfassung von sich radikalisierenden Frauen und Mädchen. Diese Radikalisierung laufe oftmals mehr im Hintergrund ab und konstituiere ein „dunkles Feld“.

Jörn Folster (Jugendschützer des Kreises Pinneberg) und Andrea Dänzer (PROvention) begrüßen die Teilnehmer/innenIm Anschluss referierte Andrea Dänzer über salafistische Rollenbilder und die Anziehungskraft des Salafismus auf Frauen und Mädchen. Sie stellte anhand von Primärquellen die theoretischen Grundlagen des salafistischen Rollenbildes dar und erläuterte anschließend die vielfältigen sozialen Gründe, die zusammenspielen können, damit junge Frauen dieses, auf den ersten Blick altertümlich anmutende Rollenbild für sich entdecken. Sie gab unter anderem Aufschluss über Frauen in jihadistischen Strukturen und ihre aktive Rolle als Propagandistinnen, Anwerberinnen und bisweilen (Selbstmord-) Attentäterinnen.

Fahima Nuri von der Beratungsstelle Legato in Hamburg berichtete über ihre Erfahrungen von der Leitung einer Mädchengruppe, in der es darum geht, dass junge Frauen unterschiedliche Zugänge zu den religiösen Quellen kennen und vereinfachende, fundamentalistische Doktrinen hinterfragen lernen. Sie klärte über die unterschiedlichen Hintergründe dieser Teilnehmerinnen auf. Als entscheidend für den Umgang mit den Mädchen nannte sie die Unterstützung bei deren Identitätssuche und Prozess der Selbstfindung sowie die Beratung bei inneren Konfliktsituationen, wie zum Beispiel die Vereinbarkeit von Sexualität und Religion.

Der Thementisch von Shazia Chaudhry, Referentin, Multiplikatorin und Projektleiterin „Milan“, widmete sich der Frage „Kopftuch - Zeichen der Unterdrückung oder Freiheit?“. Im Austausch mit den Teilnehmer/innen wurden sowohl die verbreitete Assoziation des Kopftuches mit einer benachteiligten Stellung der Frau bzw. religiösem Fundamentalismus als auch die Auswirkungen der negativen medialen Darstellung auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Kopftuch tragenden Frau diskutiert. Darüber hinaus berichtete die Referentin von ihrem persönlichen Prozess, sich für das Kopftuch zu entscheiden und kam auf die Bedeutung der Religionsfreiheit sowie der gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland zu sprechen.

Die Mitarbeiterinnen von PROvention (TGS-H), Reyyan Özen und Annabelle Mattick, regten durch ihren Thementisch „Weder naiv noch harmlos -Frauen als Akteurinnen“ die Teilnehmer/innen dazu an, die Wahrnehmung von extremistischen Gruppierungen angehörenden Frauen als Mitläuferinnen oder Opfer zu hinterfragen. In einem Vergleich der Biographien zweier Akteurinnen aus dem rechtsextremistischen und dschihadistischen Milieu wurden nicht nur die Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Radikalisierungsprozesse herausgestellt, sondern auch ihre jeweiligen Gründe und Motive, bewusst zur aktiven Täterin zu werden, analysiert.

Schielan Babat von PROvention (TGS-H) leitete die Diskussion zum Thema Frauen- und Männerbilder in unserer heutigen Gesellschaft, wobei die Referentin auf die bestehenden Bilder und verbreiteten Ideale sowie nach wie vor bestehende strukturelle Ungleichheiten zu sprechen kam. Des Weiteren erfolgte eine kritische Betrachtung der Vermittlung und Reproduktion solcher Bilder sowie ihrem Einfluss auf junge Männer und Frauen. In diesem Rahmen wurden Zusammenhänge zwischen den bestehenden Idealen und Hinwendungsprozessen zum Salafismus und damit verbundenen Männer- & Frauenbildern debattiert. Schließlich wurde der Umgang mit diesen Bildern im Hinblick auf Alternativen sowie die Dekonstruktion bestehender Rollenvorstellungen beleuchtet. 

 
28.07.2017, Jugendschutz des Kreises Pinneberg