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Gutachten über ehemaligen Landrat Dr. Udo Sachse: Kreisverwaltung setzt Aufarbeitung der eigenen Geschichte fort


Der Kreis Pinneberg blickt kritisch auf die Geschichte seiner eigenen Verwaltung. Im Zuge der wissenschaftlichen Untersuchung zur NS-Vergangenheit des ehemaligen Landrats Johann Justus Duvigneau im vergangenen Jahr hatten sich auch Hinweise auf eine Belastung der politischen Biografie von Dr. Udo Sachse ergeben, der von 1962 bis 1973 Landrat des Kreises Pinneberg gewesen ist. Der Kreis hat diese Hinweise zum Anlass genommen, ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag zu geben, dessen Ergebnisse nun vorliegen.

„Als Verwaltung stellen wir uns der Verantwortung, mit kritischem Blick auf die eigene Geschichte zu schauen und sie entsprechend für die Gegenwart aufzubereiten“, sagt Landrätin Elfi Heesch. „Wir wollen die Historie führender Persönlichkeiten innerhalb der Kreisverwaltung umfassend und transparent aufarbeiten. Dazu gehört auch, Biografien neu zu betrachten und einzuordnen. Nur so kann eine lebendige und glaubwürdige Erinnerungskultur entstehen, aus der wir Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen können. Erinnerungskultur dieser Art wird umso wichtiger, wenn es immer weniger Zeitzeugen gibt, die uns noch direkt mit der Geschichte konfrontieren können. Je weiter die Generationen von den damaligen Geschehnissen zeitlich entfernt sind, desto mehr verblasst die Erinnerung in der Gesellschaft.“


Landrat Udo Sachse

Das von Dr. Sebastian Lehmann-Himmel von der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg erarbeitete Gutachten zeichnet die wesentlichen Stationen der Biografie Sachses nach und ermöglicht eine grundlegende Einordnung seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, also vor seiner Zeit als Landrat.

Das Gutachten kommt zu einem klaren Ergebnis: Dr. Udo Sachse sei „vor 1945 ein Nationalsozialist in Wort und Tat“ gewesen. Bereits 1931 trat er demnach der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und der Sturmabteilung (SA) bei. Der frühe Zeitpunkt deute auf eine bewusste und von Überzeugung getragene Unterstützung des Nationalsozialismus hin. In Sachses Dissertation mit dem Titel „Der rassische Gedanke im Recht der öffentlichen Funktionäre“ trete er als ein „fest in der nationalsozialistischen Rassenideologie und dem völkischen Antisemitismus verhafteter junger Akademiker“ auf.

In seiner weiteren Laufbahn nahm Sachse zentrale Funktionen innerhalb des nationalsozialistischen Systems ein. So war er unter anderem als Kreisleiter der NSDAP sowie als Landrat im Kreis Tuchel im Reichsgau Danzig-Westpreußen tätig. Dort wirkte er an der Umsetzung nationalsozialistischer Besatzungs- und Bevölkerungspolitik mit, insbesondere im Rahmen der rassisch-ideologischen Klassifizierung der Bevölkerung („Deutsche Volksliste“) sowie durch die Anwendung administrativer Zwangsmaßnahmen.


Zugleich weist das Gutachten darauf hin, dass sich der genaue Umfang von Sachses persönlicher Verantwortung im Einzelnen nicht abschließend bestimmen lässt. Für mehrere Stationen seiner Biografie fehlt bislang eine vertiefte Quellenbasis. Weitergehende Forschungen wären mit erheblichem Aufwand verbunden und versprechen derzeit keinen angemessenen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.

In der Öffentlichkeit war Sachse nach 1945 lange Zeit als anerkannter und geschätzter Landrat wahrgenommen worden. Seine NSDAP-Mitgliedschaft war zwar bekannt, wurde jedoch vielfach als formale Notwendigkeit eingeordnet. Die neue Studie eröffnet hier eine deutlich differenziertere und kritischere Perspektive auf seine Person.

Die Ergebnisse des Gutachtens werden in den weiteren Umgang mit der Verwaltungsgeschichte einbezogen. So wird die Landräte-Galerie im Kreishaus um zusätzliche Informationen ergänzt. Neben einer allgemeinen Einordnung des historischen Kontexts sollen auch vertiefende Inhalte digital über die Website des Kreises sowie über QR-Codes direkt vor Ort zugänglich gemacht werden. Neue Forschungsergebnisse sollen dabei fortlaufend eingearbeitet werden.

Nicht nur für die Kreisverwaltung selbst, auch für die lokale Erinnerungskultur hat die wissenschaftliche Aufarbeitung eine Bedeutung. Sie trägt dazu bei, historische Zusammenhänge besser zu verstehen, Ambivalenzen im Handeln früherer Amtsträger sichtbar zu machen und eine offene, reflektierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu fördern.

Das Gutachten wurde vom Kreis Pinneberg in Auftrag gegeben und im April dem Hauptausschuss vorgestellt. Die Kosten in Höhe von 3.200 Euro wurden aus dem Budget für Erinnerungskultur getragen.

Der Kreis beabsichtigt, den eingeschlagenen Weg der historischen Aufarbeitung fortzusetzen – vorbehaltlich der verfügbaren finanziellen Mittel.

  
Medieninformation vom 20.04.2026


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