Feierstunde anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz


Feierstunde anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz

Gedenkfeier anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von AuschwitzAnlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz fand - wie jedes Jahr - am 27. Januar in der Drostei in Pinneberg die kreisweite Gedenkfeier zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus statt.

Die Ansprachen wurden gehalten von Kreispräsident Burkhard E. Tiemann, Nanette Wolf und Propst Dr. Thomas Bergemann.

"Mohn und Gedächtnis" haben die jüdische Kantorin Yalda Rebling, deren Mutter gemeinsam mit Anne Frank in Bergen-Belsen inhaftiert war sowie der Konzertpianist und Kreiskulturpreisträger Gerhard Folkerts ihre Lieder zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus überschrieben. Ca. 100 Gäste waren ergriffen von dem beeindruckenden musikalischen Programm, geprägt von der Virtuosität Folkerts am Flügel und der faszinierenden Stimme Reblings sowie den Wortbeiträgen, die die jüdische Sängerin zwischen den Liedern einfließen ließ.

Möglich wurde dieses Konzert durch die Unterstützung vom Rotary Club Wedel und dem Rotary Club Pinneberg.

Gedenkfeier anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von AuschwitzKreispräsident Burkhard E. Tiemann erinnert daran, dass mit der Befreiung das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte endete, dem allein in Auschwitz geschätzte 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Auschwitz sei zum Symbol für die gnadenlose Vernichtung menschlichen Lebens geworden und stehe stellvertretend für alle Vernichtungs- und Konzentrationslager auf der Landkarte des nationalsozialistischen Terrors. Auschwitz sei der schreckliche Höhepunkt einer mörderischen Ideologie, die jeden Respekt vor dem menschlichen Leben und seiner Würde verloren gehabt und an die niedersten Instinkte des Menschen appelliert hätte.

Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland der zentrale Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus.

 
Die Rede des Kreispräsidenten im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Propst Dr. Bergemann, liebe Frau Wolf, verehrte Gäste, die Sie meiner Bitte gefolgt sind, heute hier in der Drostei gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. im Namen des Pinneberger Kreistages begrüße ich Sie zu dieser Gedenk-Feier.

Ganz besonders begrüßen möchte ich Yalda Rebling, deren Mutter bereits mit ihren jiddischen Liedern Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen Zuversicht und Trost spendete, bevor diese dort ums Leben kam.

Und ich begrüße Gerhard Folkerts, der die großartige Idee hatte, gemeinsam mit Yalda Rebling heute für uns zu spielen, und ich bedanke mich im Vorwege bereits sehr herzlich bei den Rotary-Clubs Wedel und Pinneberg, die mit ihrer großzügigen Spende dieses Konzert möglich gemacht haben.

Bedanken möchte ich mich bei Ihnen, Frau Wolf und auch bei Ihnen, Propst Bergemann für Ihre Bereitschaft, heute zu uns zu sprechen. Ich überbringe Ihnen Grüße von Landrat Dr. Grimme und von meinem Stellvertreter Herrn Anders, der nicht anwesend sein kann, weil er den Kreis bei der zentralen Gedenkfeier des Landes Schleswig-Holstein in Rendsburg repräsentiert.

Meine Damen und Herren, ab Ende 1941 wurden die Juden aus dem Deutschen Reich und den besetzten Gebieten systematisch in die Vernichtungslager deportiert. Bereits während der zum Teil tagelangen Transporte kamen Tausende der in Güter- und Viehwaggons zusammengepferchten Juden durch Hitze oder Kälte, Hunger, Durst und Krankheiten um.

Bei ihrer Ankunft in den Vernichtungslagern wurde ihnen Juden erklärt, dass sie aus hygienischen Gründen gebadet und ihre Kleidung entlaust und entwest werden müsse.

Sie hatten sich zu entkleiden, den Frauen wurden die Haare geschoren, anschließend wurden sie nackt in die Duschräume - also die Gaskammern getrieben. Aus dem persönlichen Besitz der Opfer wurde alles Verwert- und Verwendbare wie Schuhe, Kleidung, Wertsachen und Brillen zur Weiterverwendung bzw. zur Beschlagnahme aussortiert; Arbeitshäftlinge mussten den Toten die Goldzähne ausbrechen. Die Leichen kamen in Massengräber oder wurden verbrannt.

Die Massentötung mit Giftgas, die Deportation, die "Selektion" an der "Rampe", die "Beseitigung" der Ermordeten und schließlich die Verwertung ihrer Habe in einer Sortierstelle gehörten zum durchorganisierten Mordverfahren fast aller Vernichtungslager. Auschwitz ist zum Symbol für die industrielle Vernichtung menschlichen Lebens geworden und für eine beispiellose universalhistorische Zäsur.

Als schrecklichster Höhepunkt einer mörderischen Ideologie, die jeden Respekt vor dem menschlichen Leben und seiner Würde verloren hatte und an die niedersten Instinkte des Menschen appellierte, steht Auschwitz stellvertretend für alle Vernichtungs- und Konzentrationslager, für Treblinka, für Majdanek, für Dachau, für Theresienstadt, für Bergen-Belsen und die zahllosen anderen Orte in der Topographie des nationalsozialistischen Terrors.

Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von Truppen der Roten Armee befreit. Von den rund 1,5 Millionen Menschen, die allein hier ermordet wurden, fanden die Befreier nur noch 7650 Menschen vor.

Damit endete das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Dieser Tag, der nicht nur das Grauen im KZ Auschwitz beendete, sondern das Ende der Nazi-Herrschaft einläutete, wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt.

Seitdem ist der 27. Januar in Deutschland der zentrale Gedenktag. Er soll das Vermächtnis der Opfer, ihren moralischen Imperativ des "Nie wieder!" bewahren und an künftige Generationen weitergeben. Er steht für das Ende der Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft und ist der Tag der Befreiung und Erleichterung.

Er ist ein Tag des Erinnerns gegen das Vergessen und das Schweigen. Und er ist für uns ein Tag, der uns innehalten lässt, um uns unserer eigenen Geschichte zuzuwenden und der uns mahnt, sie nicht zu vergessen oder zu verdrängen.

Deshalb sind wir heute zusammen gekommen, um an diesem Jahrestag der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Es wäre unangemessen, zu sagen, ich freue mich - lassen Sie mich sagen: Es befriedigt mich zutiefst, dass diese Gedenkstunde, die ich im Namen des Pinneberger Kreistages eingeführt habe, heute zum 4. Male stattfindet und damit hoffentlich zur unverrückbaren, ständig wiederkehrenden Einrichtung geworden ist.

Es ist aber auch erforderlich, deutlich zu machen, dass unsere Geschichte nicht nur in Gedenkveranstaltungen wie der heutigen in Erinnerung gerufen wird, sondern dass sie unsere ständige Begleiterin ist und sein wird, dass wir den Blick auf den jüdisch-christlichen Dialog richten müssen und dass wir uns bei unserem politischen Handeln daran orientieren und unseren Blick für Gefahren von Totalitarismus jeglicher Art schärfen. Denn der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus steht auch für die Selbstverpflichtung des demokratischen Deutschlands, das sich seiner Vergangenheit und seiner Verantwortung gegenüber den Opfern stellt in dem Bewusstsein, dass Geschichte nicht vergeht oder zu bewältigen ist. Die Vergangenheit ist nicht nachträglich zu korrigieren.

Meine Damen und Herren, die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten sind allgegenwärtig und für alle Zeiten ein Mahnmal dafür - wohin die menschliche Vermessenheit führen kann.

Nach Auschwitz ist nichts mehr wie vorher. Das Wissen um die Vergangenheit ermahnt uns für die Zukunft. Es hat uns allen hinlänglich deutlich gemacht, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen.

Ich weiß, dass es schon viele gibt - vielleicht sollte ich sagen - noch viele gibt, die sagen, dass sie es leid seien, immer noch in Sack und Asche zu gehen. Sie hätten nichts damit zu tun gehabt. Irgendwann müsse mal Schluss sein. Man müsse auch vergessen können.

Meine Damen und Herren, die Sie heute hier sind: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist kein einmaliger, abschließbarer, sondern ein andauernder Prozess. Wir Lebenden haben kein Recht zu vergessen. Der Schatten von Auschwitz, des Unfassbaren, wird für immer bleiben.